Weggesperrt … auf unbestimmte Zeit

Die Zwangsarbeitsanstalt Schachen in Flumenthal/Deitingen im Jahr 1948.

Die Zwangsarbeitsanstalt Schachen in Flumenthal/Deitingen im Jahr 1948.

Der gehörlose Emil Jäggi wurde 1917 als 20-Jähriger «wegen störrischem Charakter» von der Gemeindeversammlung Niederbuchsiten im Schachen versorgt. Der gelernte Schneider wurde dort als Hausbursche beschäftigt und brachte jeden Tag die Milch in die Käserei. Als uneheliches Kind in Deutschland aufgewachsen hatte er keine Angehörigen, die sich um ihn kümmerten. Emil Jäggi – im Schachen «Bueb» genannt – verliess die Anstalt erst 1984, also fast 70 Jahre nach seiner Internierung.

Insassen der Arbeitsanstalt Schachen an einem festlichen Anlass 1973.

Insassen der Arbeitsanstalt Schachen an einem festlichen Anlass 1973.

«Mein fester Entschluss ist ehrlich und rechtschaffen zu arbeiten und zu leben.» Mit diesen Worten ersuchte Paulina Marie Wyss-Maier (1918–1982) «die hohen Herren der Regierung» im Jahr 1944 um vorzeitige Entlassung aus dem Schachen. Das Gesuch blieb ebenso erfolglos wie der darin geäusserte Vorsatz. Wyss-Maiers Leben war von Armut, Kleinkriminalität, häuslicher Gewalt und vielen behördlichen Massnahmen geprägt. Sie wurde in elf Anstalten eingewiesen, ihre fünf Kinder wurden ihr weggenommen. In der psychiatrischen Klinik Rosegg attestierte man ihr «moralischen Schwachsinn», worauf sie entmündigt und zu zwei Jahren Zwangsarbeit im Schachen verurteilt wurde.

Im Kanton Solothurn wurden rund 4000 Erwachsene ohne Gerichtsurteil wegen «Arbeitsscheu» oder «liederlichen Lebenswandels» in Anstalten interniert.

Diese administrativ Versorgten waren häufig Alkoholkranke, Prostituierte, Bettler, Jenische oder unverheiratete Mütter. Sie stammten meist aus der sozialen Unterschicht. Auf Antrag von Gemeinden, Kantonsbehörden oder Verwandten wurden sie bis zu drei Jahre oder bei Rückfälligkeit auf unbestimmte Zeit weggesperrt – die meisten kamen in die 1886 vom Kanton geschaffene Zwangsarbeitsanstalt Schachen in Flumenthal/Deitingen.

«Dort sollten sie gemäss Gesetz ‹durch strenge Arbeit und bessernde Zucht› diszipliniert werden.»

Die bis zu 75 Männer arbeiteten vorwiegend im Landwirtschaftsbetrieb und in der Korbflechterei; zwischen 1925 und 1963 wurden in einer separaten Abteilung bis zu 18 Frauen für Wasch- oder Flickarbeiten eingesetzt. Der Alltag war gefängnisartig streng geregelt: Aufstehen um 4.45 Uhr, Lichterlöschen um 20.10 Uhr, Briefzensur, Uniformpflicht und unbedingter Gehorsam gegenüber den Aufsehern. Anfang der 1970er-Jahre kam es zu einer Liberalisierung: Sozialarbeiter führten Therapiegespräche, die Insassen erhielten Mitbestimmungsrechte,
es wurden Feste und Ausflüge organisiert. Nach Abschaffung der administrativen Versorgung 1981 wurde die Anstalt Schachen grundlegend umfunktioniert.

Weisst du, wer heute im Schachen untergebracht ist?