Stummes Leid

Liselotte, ca. 8-jährig, beim Besuch des Vormunds.
Während sieben Jahren, in denen Liselotte bei der Pflegefamilie war, besuchte sie ihr Vormund nur einmal. Sie musste einen sauberen Rock und eine saubere Schürze anziehen. Schöne Kleider, welche sie vorher noch nie gesehen hatte. Die Pflegemutter liess sie nicht allein mit dem Vormund sprechen. Sobald er das Haus verlassen hatte, musste Liselotte wieder ihre schmutzigen, kaputten Kleider überziehen.
So erging es vielen fremdplatzierten Kindern: Niemand, der ihre Ängste und ihre Einsamkeit sah; niemand, der sie tröstete nachdem sie missbraucht oder geschlagen wurden; niemand, der sie anhörte.
«Ich erinnere mich an Weihnachten. Wie ich allein in meiner Kammer war und zuhören musste wie die Pflegefamilie Weihnachtslieder sang.»
Es war immer so. Ich sass bei jedem Fest allein in meiner Kammer. Ein gutes Essen oder ein Dessert waren mir fremd. Ich litt oft an Hunger. Zur Bestrafung schickte mich meine Pflegemutter auch in den Schweinestall. Oftmals wusste ich nicht, was ich falsch gemacht hatte.
Ich hatte eine Puppe. Die war sehr alt. Es war meine einzige Puppe und ein Andenken an meine liebe verstorbene Mutter. Die Pflegemutter nahm mir die Puppe weg. Ich holte sie drei Mal aus dem Kehricht, und auf einmal war sie dann endgültig verschwunden. Ich weinte und weinte. Der Verlust dieser Puppe tat sehr weh. Somit hatte ich nichts mehr, was mich trösten konnte.
Liselotte, geb. 1945 in Thun, zeitweise im Kanton Solothurn wohnhaft. Zitate aus dem Buch «Unter einem schlechten Stern geboren» (2024) in der Reihe Lebensgeschichten aus dem Erzählbistro.
Was tröstet dich, wenn du traurig bist?