Als wären Verdingte keine Menschen

Alfons, ca. 13 jährig, in der Käserei.

Alfons, ca. 13 jährig, in der Käserei.

Inserat vom 9. April 1946, das in der Solothurner Zeitung und im Solothurner Anzeiger erschien, mit Antwortschreiben von zwei Landwirten.

Das Motiv zur Aufnahme eines Pflegekindes war oft der Wunsch nach einer billigen Arbeitskraft.

Mit elf Jahren brachte mich Fräulein J. vom Seraphischen Liebeswerk auf einen Bauernhof. Sie sagte mir, dass ich es dort gut haben werde

Bei meiner Ankunft freute ich mich über die Murmelbahn, die in der Stube stand. Sofort begann ich zu spielen. Aber die Bäuerin holte mich wütend aus der Stube und schickte
mich zur Arbeit aufs Feld. In die Stube durfte ich nie mehr. Ich arbeitete hart, wie ein Knecht. Vor und nach der Schule fütterte ich die Schweine, mistete den Stall und verrichtete weitere Arbeiten.

«Ich lebte in ständiger Angst. Liebe und Fürsorge suchte ich vergebens.»

Schläge mit der Weidenrute gehörten schon morgens beim Aufstehen zum Alltag. Ebenso Schläge ins Gesicht während des Essens. ‹Du kannst froh sein, dass wir dich genommen haben. Niemand sonst hätte dich gewollt.› bekam ich immer wieder zu hören. Ich war ein Niemand. Ich hatte Heimweh – nach nirgendwo. Für Heimatlose gibt es kein Zuhause.

Alfons, geb. 1941, vier Jahre verdingt im Wasseramt

Ist «Zuhause» ein Ort oder ein Gefühl?

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